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Die „Mutter aller Weidendome“, wie der 1998 von 300 Helfern aus aller Welt erpflanzte Auerworldpalast oft genannt wird, wächst idyllisch am Dorfrand von Auerstedt im Weimarer Land vor sich hin und ist zugleich eine weltweit zitierte Ikone der grünen Architekturgeschichte. Angesichts seines vergleichbar kleinen Entstehungspreises löste er von Anbeginn große Emotionen aus – sein Wesen als öko-soziales Gemeinschaftsereignis mit Land-Art-Charakter, seine Nutzung im Weimar Kulturstadtjahr 1999, seine mit den Jahreszeiten reizvoll chargierende Gestalt, die Eindeutigkeit seiner filigran-organischen Schönheit und die Uneindeutigkeit seiner Zuordnung – Bau(m)werk oder doch Gartenkunst? – seine in internationalen Publikationen gefeierte Modellfunktion in Sachen Nachhaltigkeit, die beim weltweiten Weidenbauboom zu unzähligen Folgeprojekten geführt hat, seine kostenlose, jederzeitige Besuchbarkeit, seine Offenheit für meditative Picknicks, beschauliche Exkursionen, Hochzeitsfeiern und naturmystische Veranstaltungen wie das „Elfencafe“, seine auch von vielerlei Tierwelten gern bewohnten Verästelungen im Baumkronenbaldachin, der dennoch seine architektonische Konstruktionsidee nie verleugnet – all dies hat den Mythos des eigentlich sehr bescheiden wirkenden, dennoch größten, dienstältesten Lebendbauwerk von Jahr zu Jahr genährt – und dem Auerworldpalast aus Weidenruten, der auch als Augenweidenpalast durchgeht, die gefühlte Aufnahme ins Weltkulturerbe beschert.
Seine Lebenszeit entspricht der des natürlichen Baumaterials „Weide“, die somit weit über der Bestandsdauer moderner Zweckbauten liegt. Um den geringen Pflegebedarf konzeptionell verstehen zu können, empfiehlt es sich, die ihm eingebundene „coiffeuristische Weltsicht“ zu adoptieren, die da sagt: Es geht nicht darum, die Welt zu erklären oder zu verändern, es geht darum, den Palast zu frisieren, wenigstens einmal im Jahr, aber öfter auch nicht. Mit diesem pragmatischen Vorsatz versammeln sich, meist im Mai, junge, ganz junge, gelegentlich auch ganz schön alte Menschen in Auerstedt. Hier wird ein wenig geflochten, dort etwas onduliert, allzu Struppiges wird abgeschnitten, damit neue Strähnchen sich entfalten können. Auf die Zuhilfenahme eines Föhns wird jedoch verzichtet. Die Frisur sitzt auch so, sie ist im statischen wie im ästhetischen Sinne selbst tragend.
Die Menschen, die sich zur Jahreshauptpflege des Palasts einfinden, gehören mehrheitlich dem Auerworld Festival Verein an. Ihnen ist es zu verdanken, dass dieses vom Naturarchitekten Marcel Kalberer und der Gruppe Sanfte Strukturen entworfene Wunderwerk nicht durch inadäquaten Wildwuchs figurmäßig aus dem Ruder läuft. Sie tragen dazu bei, dass sich das Erscheinungsbild ungefähr so entwickelt, wie es Kalberer in einer 1997 erstellten Skizze prognostiziert hat. Sie darf als eine der meist abgedruckten Architekturskizzen der Welt gelten, weil sie das Prinzip wachsender Bauten auf einen Blick erkennbar macht. Groß ist die Spannung, ob der Palast, der ja ein botanisches Eigenleben führt, sich an die letzte Wachstumsphase der Kalbererschen Prophezeichnung halten wird, auf das Jahr 2012 datiert. Vieles deutet daraufhin, dass man sich, zumindest diesbezüglich, keine Sorgen machen muss.
Eine großartige Gelegenheit, sich schon jetzt davon zu überzeugen, liefert das Auerworld Festival. Es findet vom 22. bis 24. Juli statt und lockt Freunde außergewöhnlicher Festival-Kultur zum Genuss herausragender musikalischer Beiträge auf einer der originellsten Open-Air-Bühnen des Landes.
Text: Micky Reman